Sonntagmorgen. Regen. Rasen. Drei Dinge, die im Amateurfussball ungefähr so beliebt sind wie ein Auswärtsspiel mit kleiner Garderobe – und doch war es soweit: das erste Spiel auf Naturrasen seit gefühlten sechs Monaten. Und dann gleich das kleine Derby gegen den FC Weisslingen. Effretikon reiste als klarer Favorit an – mit dem festen Plan, Wislig nicht nur mit drei Punkten, sondern auch mit einer selbstbewussten Brust zu verlassen. Besonders wichtig: Trainer Blu wollte sich in seinem Wohnort nicht verstecken müssen, sondern geschniegelt wie ein Champions-League-Coach durch die Strassen flanieren.
Die Ausgangslage? Vielversprechend. Das Kader nahezu komplett. Einzig unsere drei Dauerläufer Ruben, Filip und Stili entschieden sich für den Zürich Marathon statt für 90 Minuten Fussballromantik. Man könnte sagen: falsche Prioritäten. Wobei – wenn sie auf dem Platz halb so viel laufen würden wie dort, hätten wir wohl ein konditionelles Luxusproblem weniger. Neu im Aufgebot: Colin Bleuler. Frisch, motiviert – und man muss sagen: Blau steht ihm ausgezeichnet.
Das Spiel begann erwartungsgemäss mit Vorteilen für Effretikon. Hohes Pressing, viel Ballbesitz – zumindest theoretisch. Praktisch stellte der Rasen schnell klar: „Heute wird hier gearbeitet.“ Dann, siebte Minute: der erste grosse Aufreger. Ein langer Ball, G. Joos setzt nach, wird im Strafraum vom Torhüter regelrecht abgeräumt – Elfmeter! Schärz tritt an, verwandelt souverän. 1:0. Alles nach Plan? Natürlich nicht. Keine drei Minuten später gleicht Weisslingen aus – nach einem Pass, der so überraschend kam, dass selbst die eigene Defensive kurz dachte, er sei gar nicht erlaubt. Effretikon zeigte sich unbeeindruckt, spielte weiter nach vorne. In der 22. Minute dann die Antwort: ein wunderschöner Steilpass, G. Joos bleibt cool und stellt auf 2:1. Erstes Tor im Zwei – die Bierliste wird länger. Prioritäten sind eben klar gesetzt. Effretikon drückte weiter, kombinierte gefällig und kam zu Chancen im Minutentakt. Die Gebrüder Lehner? Beide mit guten Möglichkeiten, beide mit dem gleichen Ergebnis: knapp vorbei ist auch daneben. In der 38. Minute dann endlich die Belohnung: ein sauber vorgetragener Angriff, feine Passstafette – und A. Lehner vollendet zum 3:1. Halbzeit.
Zwei-Tore-Führung, Spiel im Griff – zumindest auf dem Papier. Die Devise für die zweite Hälfte: hinten stabil stehen und vorne nachlegen.
Spoiler: Der Plan hielt exakt bis zum Anpfiff.
Effretikon kam aus der Kabine – körperlich anwesend, fussballerisch eher optional. Weisslingen nutzte das eiskalt: 52. Minute Anschlusstreffer, 60. Minute Ausgleich. Plötzlich stand es 3:3 und Effretikon wirkte, als hätte man kollektiv den Pause-Knopf gedrückt. Doch dann – ganz langsam – kehrte das Leben zurück. Chancen wurden wieder erspielt, Kombinationen fanden wieder statt. Und in der 75. Minute war es soweit: Nach einem Eckball wird der Ball irgendwie, irgendwo, irgendwann über die Linie gedrückt. Nicht schön, aber effektiv. Diesmal blieb Effretikon ruhig. Keine Hektik, kein Chaos. In der 90. Minute dann die Entscheidung: das 5:3, der Deckel drauf, die Nerven beruhigt. Oder doch nicht ganz. 94 Minute: ein Prellball, wie ihn nur der Fussball schreiben kann. A. Lehner, mittlerweile vom Stürmer zum Innenverteidiger umgeschult, setzt zur Grätsche an – Lehrbuch, würde man meinen. Der Schiedsrichter sah das… kreativ anders. Elfmeter. Weisslingen verkürzt noch einmal. Aber Effretikon spielt die letzte Minute routiniert herunter. Abpfiff. Durchatmen. Drei Punkte.
Fazit: Die Punkte nimmt man mit, den Rest kann man – höflich formuliert – unter „Erfahrungen“ verbuchen. Positiv bleibt: fünf erzielte Tore und die Ruhe nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich. Und dann die Nachricht des Tages: Tabellenführer FC Neftenbach patzt! Damit beträgt der Rückstand nur noch zwei Punkte. Die Spitze? Plötzlich wieder in Reichweite. Mehr noch: in den eigenen Füssen.
Was diese Mannschaft in dieser Saison zeigt, ist kein Zufall. Seit Jahren wird aufgebaut, gearbeitet, verbessert. Schritt für Schritt. Als Team gewachsen – auf und neben dem Platz.
Und jetzt? Jetzt erntet man.
Und ganz ehrlich: Das fühlt sich mindestens so gut wie kaltes Bier unter der Dusche!

